China+1: Was Vietnam und Indien wirklich können — und was nicht
Zölle, Geopolitik, Lieferkettengesetz: Der Druck zur Diversifizierung ist real. Aber zwischen Konferenz-Rhetorik und Fabrikhalle liegt ein weiter Weg — und wer nur dem Trend folgt, tauscht bekannte Risiken gegen unbekannte. Hier ist der Vergleich ohne Ideologie.
7 Min. Lesezeit · Für Einkaufsleiter und Geschäftsführer
Wo die Alternativen real stark sind
Vietnam ist bei arbeitsintensiver Fertigung mit überschaubarer Teilevielfalt erste Wahl geworden: einfache bis mittlere Textilien und Schuhe, Möbelmontage, Basiselektronik-Assemblierung. Löhne liegen 30–50 % unter Südchina, das EU-Freihandelsabkommen (EVFTA) senkt viele Zölle Richtung null — bei Textilien ein echter Kostenhebel gegenüber 12 % Drittlandszoll.
Indien punktet bei Textilien (eigene Baumwolle), Schmiede- und Gussteilen, Chemie und zunehmend bei Elektronik-Endmontage — mit einem riesigen Binnenmarkt als Rückenwind und englischsprachigem Management. Für bestimmte Warengruppen (Handtücher, Bettwaren, einfache Metallteile) ist Indien heute schlicht konkurrenzfähig, teils günstiger als China.
Wo die Rechnung nicht aufgeht
Der blinde Fleck der Diversifizierungs-Debatte ist die Lieferkette hinter dem Endprodukt: Komponenten, Werkzeuge, Beschläge, Elektronik-Bauteile, Verpackung — all das kommt in Vietnam wie Indien zu großen Teilen weiterhin aus China. Ihr „China-freies“ Produkt aus Hanoi enthält oft 60–70 % chinesische Vorleistung, mit längerer Gesamtlieferzeit und einer zusätzlichen Grenze im Prozess.
Dazu die Praxishürden: Werkzeugbau und Formenbau bleiben Chinas Domäne (Vietnam lässt Formen meist in China fertigen), die Zulieferdichte für komplexe Produkte fehlt, Qualitätssysteme sind im Schnitt jünger, und die Kapazitäten der guten Werke sind durch Großkunden gebunden — der Mittelständler mit drei Containern pro Jahr steht in Vietnam weiter hinten in der Schlange als in China.
Die realistische Strategie für den Mittelstand
China+1 heißt für die meisten nicht „raus aus China“, sondern: das China-Geschäft resilient machen (Zweitquellen in anderen Provinzen, Werkzeug-Eigentum, Pufferbestände) und parallel dort diversifizieren, wo es sich pro Warengruppe wirklich rechnet — Textilien nach Vietnam wegen EVFTA, Heimtextilien nach Indien, komplexe Technik bleibt in China. Entscheidungsbasis ist die Vollkostenrechnung je Artikel, nicht die Schlagzeile.
Unser Rat aus der Praxis: Starten Sie die Diversifizierung mit Ihrem unkritischsten Volumenartikel, nicht mit dem kompliziertesten — und rechnen Sie mit 12–18 Monaten, bis ein neues Land eingeschwungen ist. Wir sagen Ihnen je Warengruppe ehrlich, ob der Wechsel trägt; unser Schwerpunkt bleibt China, und genau deshalb ist unsere Einschätzung zu den Alternativen unverdächtig.
Häufige Fragen zu China+1
Wie stark unterscheiden sich die Zölle wirklich?
Je nach Warengruppe erheblich: Aus Vietnam sind dank EVFTA viele Waren zoll-reduziert oder zollfrei (mit Ursprungsnachweis!), aus Indien gilt meist der normale Drittlandszoll wie für China, aber ohne die produktspezifischen Antidumpingzölle, die China bei Fahrrädern, Schrauben oder Aluprofilen treffen. Vorsicht: Der Ursprung muss echt sein — bloßes Umverpacken chinesischer Ware in Vietnam ist Zollbetrug und wird von OLAF aktiv verfolgt.
Beschafft ihr selbst auch in Vietnam oder Indien?
Projektweise ja, über geprüfte Partnernetzwerke — mit denselben Standards (Audit, Muster, Vorverschiffungs-Prüfung). Unser Kerngeschäft und Team sitzen in China; genau deshalb empfehlen wir den Wechsel nur dort, wo er nach Vollkosten und Risiko wirklich besser ist, und nicht, weil es gerade gefragt klingt.
Was ist mit dem Lieferkettengesetz (LkSG/CSDDD)?
Die Sorgfaltspflichten gelten länderunabhängig — ein Wechsel nach Vietnam oder Indien reduziert sie nicht, teils im Gegenteil. Was wirklich hilft: dokumentierte Audits, Rückverfolgbarkeit und langfristige Lieferantenbeziehungen statt anonymer Spotkäufe. Diese Unterlagen fallen bei strukturierter Beschaffung ohnehin an — Ihre LkSG-Dokumentation ist dann ein Nebenprodukt, kein Projekt.
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